Mittwoch, 4. November 2009

20 Jahre - Fall der Berliner Mauer

Nun ist es fast auf den Tag genau 20 Jahre her, als die Mauer in Berlin fiel. Meine persönlichen Erinnerungen an diesen Tag und vor allem an die Nacht sind geprägt von Angst und Erleichterung.

Mein damaliger Mann arbeitete damals für den Brücken-Verlag. Dieser DKP eigene Verlag importierte Bücher aus der DDR und dem gesamten östlichen Raum. Viele dieser Bücher waren wirklich sehr gut. Besonders Fachbücher für Studenten, die teilweise besser und vor allem billiger waren als westliche Erzeugnisse. Mein Ex fuhr jede Woche einmal mit einem 40 Tonnen Laster nach Leipzig um Bücher abzuholen. So auch an diesem speziellen Tag. Üblicherweise blieb er über Nacht in Leipzig und kam am nächsten Tag zurück.

Abends saß ich allein vor dem Fernseher und sah die Nachrichten von den unglaublichen Ereignissen in Berlin und der restlichen DDR. Ich bekam Angst, denn wie sollte man ahnen können, ob die ganze Sache nicht irgendwann kippt und geschossen wird. Stundenlang wich ich nicht mehr vom Fernseher. Ich sah die jubelnden Menschen, die Sektflaschen, die über die Trabbis flossen und mir war schlecht. "Hoffentlich geht das gut", dachte ich nur.

Endlich, mitten in der Nacht kam ein Anruf. Mein Ex hatte, genau wie ich, dem Frieden nicht getraut und war sofort losgefahren. Er schaffte es tatsächlich, vor dem großen Andrang an einem Grenzübergang anzukommen und rief mich von der ersten Telefonzelle im Westen aus an. Was für eine Erleichterung!!

Dann die nächsten Tage. Die ersten Trabbis die bei uns in Solingen ankamen. Das war extrem exotisch. Aber nachdem es immer mehr wurden, kam bei einigen Leuten der Gedanke auf, die kommen aber die gehen vielleicht nicht mehr. Schrecklicher Gedanke für Einige.

Was mich wirklich störte war die Haltung von den westdeutschen Politikern, besonders Kohl, die so taten, als ob sie auch nur irgendeinen Anteil an der Öffnung der Grenzen hatten. Meiner Meinung nach hat das Volk der DDR sich ganz allein befreit. Mit den Massenfluchten über Ungarn und vor allem mit den mutigen Montagsdemonstrationen vor allem in Leipzig. Kein Kohl hatte da auch nur irgendein Quentchen dran mitgewirkt. Ich ziehe heute noch einen imaginären Hut vor den mutigen Menschen im östlichen Teil Deutschlands.

Die Wiedervereinigung kam dann irgendwie wie ein Tsunami über beide deutsche Staaten. Unüberlegt und auch unbefriedigend. Diese schreckliche Ossi-Wessi Haltung. Wer ist nun der bessere Deutsche? Mich hat das immer angekotzt.

Hier eins meiner Lieblingslieder dazu:



Und heute? Sind wir wirklich wieder "ein Volk"? Oder trennen uns nach 20 Jahren immer noch ideologische und menschliche Unterschiede? Seit der Wende war ich nicht mehr in den neuen Bundesländern. Nicht weil ich nicht wollte, es hat sich einfach nicht ergeben.

Deutschland einig Vaterland? Nein, für mich nicht. Ist mir auch nicht wichtig, denn ich bin aus ganzem Herzen Europäerin. Mir egal ob ich Wessi oder Ossi, Deutsche oder Ausländerin bin. Aber das es diese unsägliche Grenze nicht mehr gibt finde ich wunderbar.

Was habt ihr für Erinnerungen an diesen Tag und diese Zeit?

Kommentare:

Ulf von Schellenberg hat gesagt…

Ich erinnere mich daran, dass am Morgen nach dem Mauerfall auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums in Essen, welches ich auch aufsuchte, tatsächlich ein in der DDR zugelassener Trabbi stand.
"Mensch", dachte ich,"der ist die ganze Nacht durchgefahren, um seine Verwandten zu sehen!"
Mein nächster Gedanke war:"Und das kann der ab jetzt immer tun!"
Ein schöner Gedanke...

Heinz-Peter Heilmann hat gesagt…

Ich kann Dir in fast allem zustimmen. Toll, dass es dieses Schandmal in Deutschland nicht mehr gibt.

Die Bürger der DDR hatten sich selbst befreit. Manche (!) Bürger - andere haben von der Diktatur profitiert. Aktiv und passiv.

Kohls Anteil an der Wiedervereinigung ist größer als viele meinen. Zeit seines Lebens (lange vor der Zeit als Kanzler) war ihm das zusammen wachsende Europa eine Herzangelegenheit. Und er hat auch immer im Inneren und nach Außen den Gedanken der Einheit massivst vertreten - oftmals gegen eigene Parteifreunde und andere Politiker. Gerade in den 80ern hat er außenpolitisch stetig auf die Einheit hingearbeitet,noch zu Zeiten, als es noch keine Montagsdemos in tieferen Sinne gab. Und das war kein Leichtes, denn insbesondere Thatcher und Mitterand waren anfangs der Einheit gegenüber sehr skeptisch - die Erste bis zum Ende ihrer Dienstzeit. Und in der BRD hatte Kohl mit einer SPD zu kämpfen, die allein pro forma mehrheitlich gegen die Einheit war...

Kohl hat sicher nicht die Einheit gebracht. Aber sein Anteil daran ist historisch unbestritten, auch wenn manche Kritiker ihn gerne klein reden.

Ich bin froh, dass er zu dieser Zeit Kanzler war und ich habe kein Verständnis, dass er sich seinen guten Platz in der Geschichte wegen Geld derart befleckt hat.

kathrin hat gesagt…

ich habe den Tag an der Grenze bei Semmenstedt, Mattierzoll,Hornburg nähe Wolfenbüttel erlebt, dort war immer das Ende der Welt, wir haben dort Lagerfeuer gemacht, Bratwurst und Glühwein gehabt und auf das, bzw die, die von "drüben" kommen gefreut, meine Töchter waren 6 und 7 Jahre alt und es war umwerfend....Gänsehaut kommt heute noch !!! Gleich danach sind wir auf Entdeckungstour gegangen, war das spannend....
ich bin Landesbeamtin in Nds, wir wurden dann zeitweise im Osten eingesetzt, ach alles war spannend und sehr herzlich.
schön, dass du die Erinnerung angestossen hast...mein Sohn versteht das alles nicht, er ist 19, irgendwie witzig.....herzlich Kathrin

Hexe hat gesagt…

Mein Sohn ist auch 19, er interessiert sich auch nicht dafür.

Grey Owl Calluna hat gesagt…

Liebe Hexe!
Ich war auf der Arbeit, und ich arbeitete ja auch noch in der Stadtverwaltung bei der Bürgermeisterin. Wir hatten die ganze Zeit den Fernseher an. Keiner wußte, was passiert. Die ganzen Tage und Wochen danach waren noch sehr komisch. Ich hatte gerade die Scheidung hinter mich gebracht, am letzten DDR-Tag.

Aber,....für mich gibt es auch keine Ossis und Wessis, nur Menschen, und das, auf der ganzen Welt.
Ganz liebe Grüße
Grey Owl

brunos hat gesagt…

Ich finde das wir immer noch ein geteiltes Land sind, weil es im Westen genauso wie im Osten immer noch anfeindungen und Vorhaltungen gibt. Ob es nun sen Soliveitrag betrifft, den ja nun auch der Ossi bezahlen muss. Aber insgesamt ist es in ordnung. Ich bin zwar nicht mit allen Sachen einverstanden, was die Politik heute so veranstaltet, aber recht machen kann man es ja eh nie jemanden. Ich habe viele nette Leute kennen gelernt, die ich so nie kennen gelernt hätte. Dich zum Beispiel Margo und deine Freundin L. Ich finde es aber äusserst Schade das man dieses Thema DDR heute so falsch interpretiert. Ich sehe mit jede Sendung an die über die DDR im Fernsehen gezeigt ist und rege mich jedesmal darüber auf, das man "uns" immer so darstellt als hätten wir auf einen anderen Planeten gelebt. Alle hatten ihr auskommen und waren doch recht zufrieden. Und das die Demos so friedlich abliefen ist wirklich einmalig in der Geschichte. Ich denke man sollte auch mal die guten Seiten der DDR zeigen. Kinderbetreuung, Schulsystem, Angebite die es Jugendliche und Kinder gab. Pionierlager, Ferienlager, all das war für jeden zu haben unabhängig vom Geldbeutel.

Hexe hat gesagt…

Das ist richtig Bruno. Wenn es nicht so furchtbar schnell gegangen wäre mit der Wiedervereinigung, sondern Herr Kohl sich erstmal etwas Zeit gelassen hätte und man vernünftige Verhandlungen usw. geführt hätte, dann würden vielleicht heute alle Menschen von den jeweils positiven Dingen der beiden Deutschlands profitieren können. Ich fand z.B. auch die absolut günstigen Preise für Kultur jeder Art klasse. Ob Bücher, Platten oder Theater. Bin bei jedem Besuch im Theater oder Konzert gewesen. Konnte z.B. Karat bei ihrer Tour zum 10jährigen Bandbestehen in Zwickau in der Freilichtbühne sehen.

brunos hat gesagt…

Stimmt und ich erinnere mich auch noch daran, das es immer etwas gab für die kleinen. Zum Beispiel auch im Fernsehen. Nicht das ich nur DDR1 und DDR2 gesehen habe. Nein wir hatten auch Westfernsehen. Aber Flimmerstunde, Sandmännchen, gut das gibt es heute auch noch und sogar das DDR Sandmännchen. Ich fand das alles toll. Wenn ich mir heute das Programm von KIKA ansehe HILFE!!!! kann ich da nur sagen.

Heinz-Peter Heilmann hat gesagt…

"Wenn es nicht so furchtbar schnell gegangen wäre mit der Wiedervereinigung, sondern Herr Kohl sich erstmal etwas Zeit gelassen hätte und man vernünftige Verhandlungen usw. geführt hätte, dann würden vielleicht heute alle Menschen von den jeweils positiven Dingen der beiden Deutschlands profitieren können."

In der Theorie stimmt das. In der Praxis gab es keine andere Wahl. Es musste gehandelt werden...und wenn man sich mit der Materie beschäftigt, dann stößt man schnell darauf, dass die damalige Regierung den Prozess zu verzögern versucht hat, letztendlich aber keine Wahl blieb.