Donnerstag, 7. Mai 2009

Alte Volkslieder oder bündische Jugend?


Durch einen Beitrag von Ulf über das Lied *Des Geyers schwarzer Haufen" bin ich auf die Idee gekommen, einmal ein paar Sätze über die vermeintlich alten Volkslieder zu schreiben, die gerade in der Mittelalterszene sehr beliebt sind.

Viele gerade der bekannteren Lieder wie der Geyer oder Flandern in Not sind gerade mal ca. 100 Jahre alt und stammen aus der Wandervogelbewegung und der Bündischen Jugend. Das waren Organisationen von Schülern und Stu
denten, hauptsächlich bürgerlicher Herkunft, die sich seit 1896 zusammen fanden. Sie versuchten politische Neutralität zu bewahren, was damals sicher nicht einfach war. 1913 fand der "Erste Freideutsche Jugendtag" auf dem Hohen Meissner statt. Nach dem 1. Weltkrieg entstand die Bündische Jugend aus den Ideen der Pfadfinder und der Wandervögel heraus.

Ab 1933 übernahmen die Nationalsozialisten viele der bündischen Traditionen. Hier ein Zitat aus Wikipedia:
ZItat: Ab 1933 übernahm die Hitler-Jugend, die sich zunächst an den Formen der Arbeiterjugendbewegung orientiert hatte, zum Teil die pfadfinderischen und bündischen Traditionen. Dies führte bei vielen Angehörigen der Bündischen Jugend zur Hoffnung, die Hitler-Jugend von innen heraus in bündischem Sinne umzugestalten. Deshalb schloss sich ein Teil der Bünde freiwillig der Hitler-Jugend an, während andere Gruppen sich selbst auflösten, um einer Eingliederung zu entgehen.

Ab dem Sommer 1933 wurden zunächst die Bünde im Dritten Reich verboten, später galten auch entsprechende Kleidung und Ausrüstung unter der Bezeichnung bündische Umtriebe als strafbar. Die freien Bünde galten als „Erzfeinde der Hitler-Jugend“ (Zitat Baldur von Schirach). Nach ihren anfänglichen Versuchen, die Hitler-Jugend und insbesondere das Jungvolk zu unterwandern oder zu „infiltrieren“, wurden die meisten bündischen Führer aus der Hitler-Jugend ausgeschlossen.

Im Geheimen operierten verschiedene bündische Gruppierungen aber weiter. Sie gingen weiter auf Fahrten und führten Lager durch. Sie bildeten stellenweise Widerstandsgruppen gegen das Dritte Reich und führten teilweise offene Straßenschlachten gegen die HJ. Dieser Widerstand war besonders im Rheinland zu spüren. Viele dieser wilden bündischen Jugendgruppen wurden Edelweißpiraten genannt oder benannten sich selbst mit diesem Begriff, unter dem sie verfolgt wurden. Zitat Ende.

Falado von Rhodos, ein Segler der von bündischen Gruppen gefahren wird

Auch heute gibt es noch bündisch beeinflusste Gruppen die eine hervorragende Jugendarbeit leisten.

Aber hier soll ja die Musik interessieren. Das berühmteste Liederbuch der Bündischen Jugend ist der *Zupfgeigenhansel*. Diese Liedersammlung ist speziell für die Gitarrenlaute gedacht. Dieses Instrument ist wesentlich leichter als eine Gitarre, wird aber genauso gestimmt und gespielt. Zum Wandern durch das geringere Gewicht sehr gut geeignet. Heute spielen auch viele Spielleut, so auch Triskehle, die Gitarrenlaute.

Der Zupfgeigenhansel wurde von Hans Breuer herausgegeben, der seit 1904 intensiv Lieder sammelte. Wenn man nach der Liedersammlung googelt, trifft man allerdings fast ausschließlich auf Seiten über die Gruppe Zupfgeigenhansel, die sich nach dem Liederbuch benannte und auch Lieder in der Tradition machte.

Bleiben wir einmal bei dem Lied *Des Geyers schwarzer Haufen*. Es erscheint wie ein uraltes Lied aus den Bauernkriegen, ist aber in Wahrheit ein Lied, das 1919 von Fritz Sotke geschrieben wurde. Der Text existiert in vielen Abwandlungen nach einem Gedicht von Heinrich von Reder (1885).

Das Lied *Flandern in Not*, das sich auch wie ein altes Landsknechtlied anhört, wurde etwa 1917 geschrieben. Man schreibt es der Liedersammlerin Elsa Laura von Wolzogen zu, die es wahrscheinlich aufgrund eines älteren Liedes in seine heutige Form brachte. Der Text ist eine Parabel auf den Einsatz von Giftgas im 1. Weltkrieg, das gerade in Flandern vielen den Tod brachte.

Es gibt aber auch tatsächlich sehr alte Lieder im Zupfgeigenhansel, zum Beispiel:

  • Dat du min Leevsten büst
  • Es hat ein Bauer ein schönes Weib (Heuwalzer) der Text stammt in Variationen aus dem 15. Jh.
  • Maria durch ein Dornwald ging (16. Jh.)
  • Es wollt ein Bauer früh aufstehn (16. Jh.)
  • und viele weitere mehr.
Man sieht, der Zupfgeigenhansel ist ein vielseitiges Liederbuch und ich hoffe, man kann ihn bald wieder kaufen. Aber man sieht auch, nicht Alles was alt scheint, ist es auch wirklich.

Viele dieser Lieder gehören auch zum Repertoire von Triskehle und sind auf der CD *13* zu finden.


Kommentare:

Ulf von Schellenberg hat gesagt…

Sehr interessant!
Dass viele von diesen Liedern nicht im Mittelalter entstanden sind, wusste ich, aber das es soviele sind, nicht!
Naja, eigentlich könnte man drauf kommen, ist ja doch eher alles auf Hochdeutsch, im MA wurde ja ganz anders gesprochen!

Ulf von Schellenberg hat gesagt…

Das Thema musste ich jetzt nochmal intensivieren und bin dabei auf das Lochamer Liederbuch aus dem Spät-MA gestossen (Wikipedia), kennst Du das? Wäre sicher interessant, sich das mal anzuschauen...

RUDHI-Daily hat gesagt…

Ein Sträußchen Edelweis allen wilden Freiheitskämpfern! Und Dein interessanter Aufsatz verfeinert Eure *13*. So gehabt Euch wohl!

Hexe hat gesagt…

Danke Rudhi und auch danke Ulf.

Das Lochamer Liederbuch kannte ich noch nicht. Aber es gibt ja eine ganze Reihe mittelalterlicher Liederbücher. Leider oft ohne Noten, so dass die Melodien nicht überliefert sind.

Die Carmina Burana zum Beispiel ist ja auch nur eine Sammlung von Texten. Carl Orff hat dann sein berühmtes Stück daraus gemacht. Aber auch Gruppen wie In Extremo und Andere haben tolle neue Melodien dazu gemacht.

Ulf von Schellenberg hat gesagt…

Die Streuner machen das auch, wenn man den CD-Texten glauben darf, entweder neue Melodie zu altem Text oder neuen Text zu alter Melodie!

Hexe hat gesagt…

Das machen viele. Die Streuner besonders, Der Bauer der früh aufsteht, Geyers schwarzer Haufen usw. haben sie ja auch schon verarbeitet.

Auch wir haben schon neue Texte auf alte Melodien gemacht. Unser schönes Mädchen ist ein mazedonisches Tanzlied.

Grey Owl Calluna hat gesagt…

Liebe Hexe!
Schön zu lesen,...weil,...ich von solchen Dingen eigentlich noch gar keine Ahnung habe. Na ja,...."Ahnung" vielleicht, aber kein Wissen.
Liebe Grüße
Grey Owl

Anonym hat gesagt…

Hui - jetzt weiß ich auch endlich, was hinter dem Lied "Falado" steckt, was Marieluise uns vorgesungen hat.
Lieben Gruß
Lidania

Hexe hat gesagt…

@Lidania
Ja, die Naturfreundebewegung hat auch sehr viele der bündischen Werte und vor Allen der Lieder angenommen.

Lieder Front hat gesagt…

Netter Post!