Mittwoch, 23. April 2008

15. Jahrestag Brandanschlag in Solingen


Ich erinnere mich noch sehr genau, Pfingsten vor 15 Jahren. Meine Familie und ich wollten bei dem herrlichen Wetter einen Ausflug machen. In einem Schnellrestaurant in der Nähe von Koblenz hörten wir im Radio die Nachricht von dem furchtbaren Brandanschlag mit Toten auf das Haus an der Unteren Wernerstrasse. Uns verging die Lust auf einen fröhlichen Ausflug und wir fuhren zurück nach Solingen.

Wir sind natürlich sofort in die Stadt um an den Demonstrationen teilzunehmen, zu zeigen, dass wir als Deutsche nicht einverstanden sind mit solchen Verbrechen. Das nicht alle Deutsche Nazis sind. Aber was wir dann erlebten hatten wir so einfach nicht erwartet. Diese Gewalttätigkeit, so etwas kannte ich bis dahin nur aus den Nachrichten, wenn mal wieder von Rassenkrawallen in der Bronx die Rede war.

Gewalt von allen Seiten. Türken gegen deutsche Läden, Türken gegen Türken, dazwischen auf allen Seiten Fassungslosigkeit wegen des abscheulichen Verbrechens. Mitleid mit der Familie Genc. Wut auf die Politiker, die sich nicht zu irgendwelchen Handlungen entschließen konnten. Überall Gerüchte. Die völlig überforderte Polizei. Und vor allem die Presse!

Bis dahin hatte ich noch in etwa an die Wahrheit der Fernsehnachrichten geglaubt. Aber nachdem ich in der Woche nach dem Brandanschlag täglich bei den antifaschistischen Demos dabei war, habe ich den Glauben an die Lauterkeit auch der öffentlich-rechtlichen Sender verloren. Mit eigenen Augen habe ich zum Beispiel gesehen, wie eine Reporterin türkischen Jugendlichen Geld gab, mit der Aufforderung doch mal ein bisschen Krawall zu machen. Und solche Vorfälle gab es einige.

Auch die Polizei zeigte sich nicht gerade von ihrer besten Seite. Als ein türkischer Demonstrant, mit einem Schraubenzieher in den Hals gestochen, vor unseren Füßen zusammenbrach und ich ein paar Schritte weiter den Fahrer eines Polizeibullis bat, über Funk einen Sanitäter zu rufen, hat dieser sich geweigert. Selbst Verbandsmaterial weigerte er sich herauszugeben. Allerdings konnte ich auch beobachten, wie ein Polizist sich rührend um zwei kleine türkische Mädchen kümmerte, die offenbar die Familie verloren hatten.

Als nach einer Woche der Spuk vorbei war, ging es weiter. Gerüchte kamen auf, wer denn nun wohl wirklich schuld war. Schlampige Ermittlungen, vorschneller Abriss der Brandruine. All das wirkte nicht überzeugend. Dann die immer wieder neuen Vermutungen, was denn nun mit den Spendengeldern geschieht. Manchmal hatte ich das Gefühl, über der ganzen Politik hat man eins vergessen:

Es hat 5 tote Frauen und Mädchen gegeben. Grauenvoll gestorben bei einem sinnlosen Anschlag. Und die schwer Brandverletzten, die heute noch an den Folgen leiden.

Deshalb darf nie wieder so etwas passieren!



Aktionen in Solingen:

29.5.08, 19 Uhr Untere Wernerstr./Ecke Schweizer Str. Gedenkkundgebung

31.5.08, 12 Uhr Mühlenplatz
Demonstration 15 Jahre danach: Rassismus und Neofaschismus bekämpfen


Dieser Artikel wurde von mir für eine kommunale Zeitung geschrieben.

Kommentare:

Astraryllis hat gesagt…

Viele wollen Skandale, Katastrophen und vor allem: Gerüchte zum weitertratschen. Objektiv betrachtet hat das den positiven Effekt, dass die Leute auf diese Weise ihre zwischenmenschlichen Beziehungen pflegen. Von der negativen Seite hast Du schon so einiges geschrieben.

Ich vermeide, wenn möglich, größere Menschenansammlungen, vor allem dann, wenn die Gefühle hochkochen könnten. Ich mag z.B. keine Großveranstaltungen, bei denen vielleicht noch aufreizende Musik gespielt wird.
In meinem Leben war ich nur auf vier Demos. Manchmal wollen da alle nur etwas Gutes und dann entgleisen die Dinge einfach. Das ist sehr schlimm. Vor allem auch deshalb, weil viele Menschen, so wie ich, deswegen kaum oder gar nicht auf Demo's gehen.

Was Du beschreibst, klingt wie manches, das man aus der Endzeit der Weimarer Republik kennt. Schlimm und ich weiß keine Lösung. Viele schauen weg oder tratschen nur. Manche zeigen nur eine unverbindliche Betroffenheit, andere schlagen aus dem Unglück der Opfer Kapital. Das sind die Schattenseiten der Demokratie heute.

Ich würde jetzt gerne etwas Kluges sagen und alle Probleme wegwischen, aber das ist unmöglich.
Du hast Dich großartig verhalten. Ich gehe andere Wege, um vielleicht doch auch etwas zu bewirken. Manchmal wünschte ich, ich würde mich mehr unmittelbar engagieren, aber das liegt mir einfach nicht.Ich schreibe lieber eine Geschichte, die manche Vorfälle aufgreift ( - ein Böll werde ich aber nie - ). Vermutlich muss jeder seinen eigenen Weg gehen.

Hexe hat gesagt…

Ich weiß leider auch keine Lösung aber ich fühle mich gezwungen, meine Einstellung auch offen zu vertreten.

Inzwischen bin ich 15 Jahre älter und meine Möglichkeiten sind eingeschränkter geworden. Mit Mitte 50 geht man nicht mehr auf Demos, die eskalieren.

Aber auch jetzt versuche ich etwas zu tun. Und wenn nur, wie geplant, auf der Kundgebung mit meiner Freundin entsprechende Lieder zu singen.

Schreiben ist auch ein guter Weg. Ganz sicher muss Jeder seinen eigenen Weg gehen, anders kann es ja nicht gehen.

Danke für deine Worte Astraryllis.

Margo